Domestikation

Ein Artikel von Dr. Frank G. Wörner
Domestikation
Vom Konkurrenten zum Partner: Die Domestikation des Wolfes

Der Hund ist die merkwürdigste, vollendetste und nützlichste Eroberung, welche der Mensch jemals gemacht hat. … Vielleicht ist er sogar notwendig zum Bestand der menschlichen Gesellschaft.

GEORGES de CUVIER (1769 – 1832)

Der Mensch ruft Variabilität in Wirklichkeit nicht hervor, … kann aber die ihm von der Natur dargebotenen Abänderungen zur Nachzucht auswählen und dieselben hierdurch in einer beliebigen Richtung häufen … Er paßt auf diese Weise Thiere und Pflanzen seinem eigenen Nutzen und Vergnügen an. Er kann dies planmäßig oder kann es unbewusst tun ….

CHARLES DARWIN (1809 – 1882)

Domestikation – das ist ein Synonym für den ganz „großen Sprung nach vorn“ in der kulturellen Evolution der Menschheit geworden. Über Jahrhunderttausende war nach dem endgültigen Verlassen des Tierstadiums der frühzeitliche Mensch auf das angewiesen, was er durch Sammelaktivitäten und Jagd erbeuten konnte. Sein nimmermüder erfinderischer Geist ließen ihn zwar seine Werkzeuge und Waffen immer mehr verfeinern und damit effizienter machen, seit Jahrzehntausenden beherrschte er auch das mächtige Feuer – verstand es, dieses zunächst zu erhalten, später dann auch zu erzeugen. Aber immer, abhängig von Wetter, Jahreszeit und Jagderfolg, stand das Gespenst des Hungers an Wohnhöhle und Zelt. Wie bei allen an Mangel Leidenden, so träumte wahrscheinlich auch der Mensch der ausgehenden Altsteinzeit von ihm ständig zur Verfügung stehenden Nahrungsquellen. Er träumte von fetter Jagdbeute, der er nie – und wie so oft – vergebens nachstellen musste, von Tieren, die ständig in seiner Nähe und in der Reichweite seiner schon weit entwickelten Waffen verblieben. Das sich erwärmende Klima meinte es nicht gut mit dem an die eiszeitlichen Verhältnisse angepassten Menschen. Die sich nach Norden zurückziehenden Gletscher ließen aus der einstmals von Tierleben überquellenden subarktischen Tundra immer dichteren Wald werden, in dem die Tiere seltener sind und sich mit den altvertrauten Jagdtechniken keine große Beute mehr machen ließ. Die großen und leicht bejagdbaren Herden von Caribous und Urpferden zogen sich mit dem Eis nach Norden bzw. Osten zurück und machten in dem nun nachrückenden Wald mehr vereinzelt lebenden und schwer zu bejagenden Tieren Platz. Das Mammut und das Wollhaarige Nashorn, gigantische Fleischberge und typisch für die Kältesteppe, waren schon vordem seit langem selten und von dem Menschen ausgerottet worden, und nur noch Bilder an den Wänden dunkler Grotten und Höhlen erinnerten an die Zeiten einer einstmals großen Jagd. An den Küsten der sich bildenden großen Binnenseen Mitteleuropas und an den Meeresküsten des südlichen Skandinaviens verkamen die ehedem stolzen und tapferen Großwildjägern zu Strandläufern und Sammlern von Muscheln und Schnecken, von Nüssen und Grassamen. Waren sie es vielleicht leid, jeden Tag Fisch zu essen, und hielten sie sich vielleicht aus diesem Grund einen Fleischvorrat in Form von lebenden Säugetieren, eventuell Wölfen? War der Beginn der Domestikation so profan? Wir werden es wohl nie erfahren – fest steht aber, dass der vorgeschichtliche Mensch nichts über die Konsequenzen seines Tuns wußte und nicht nach einem Plan handelte, als er sich auf das Abenteuer mit dem Wolf einließ.Schon unvorstellbar lange, vermutlich seit Jahrzehntausenden, wurden unsere steinzeitlichen Jäger von einem anderen Großwildjäger beobachtet und begleitet, der nur vordergründig als Konkurrent bezeichnet werden kann. Und dieser andere Jäger war, wie auch unsere steinzeitliche Horde, ebenfalls ein Lebewesen, das die Vorteile eines eigenen überschaubaren Territoriums schätzte, in dem es sich wegen der Kenntnisse des Geländes und seiner potentiellen Beutetiere einfach erfolgreicher jagen ließ, und weiterhin lebte dieser andere Jäger in einem hierarchisch strukturierten Sozialverband, in dem jedes Mitglied eine fest zugewiesene Stellung und eine genau definierte Aufgabe hatte – und somit zum Überleben des gesamten Verbandes beitrug.So waren die Grundbedingungen einer einzigartigen Symbiose zwischen Mensch und Tier von der Natur vorgegeben, die aus dem Wolf den Hund entstehen ließen. Wolfsforscher ERIK ZIMEN (1994) charakterisierte in einer seiner Vorträge den Wolf als ein „ … Tier der Superlative: Kein Tier wurde von Menschen so gefürchtet und gehasst wie der wilde Wolf, keines so geliebt wie der zahme Wolf und sein domestizierter Nachfahr, der Hund.“ – Und daran hat sich bis fast in unsere Tage nichts geändert, erst in allerjüngster Vergangenheit im Zuge eines neuen ökologischen Bewusstseins macht sich auch auf diesem Gebiet ganz allmählich ein Umdenkprozess bemerkbar. – Der Hund wird plötzlich zu einem „Haustier der Sonderklasse“, wie es der Mainzer Zoologe HEMMER einmal definierte (1996). Schwer begreiflich, aber derzeit wendet sich das negative Interesse mehr dem „Hund als Bestie“ zu, ein Hass, der künstlich und willkürlich erweckt und geschürt wurde, initiiert von Züchtern und Haltern gewisser Rassen, erfunden von nach Wählerstimmen schielenden Politikern und breit ausgewalzt von auflagenstarken Boulevardblättern. Dieser Hass wäre lächerlich, wenn von ihm nicht eine tödliche Bedrohung für die meisten unserer Hunderassen ausginge! Wir wollen hoffen, dass sich hier nicht die einseitige Aufkündigung eines uralten Gesellschaftsvertrages zwischen Mensch und Hund anbahnt, den zwar der Hund immer strikt eingehalten hat, der vom Menschen immer öfter gebrochen und dessen ursprünglicher Sinn bei dem Menschen aber immer mehr in Vergessenheit gerät.

Domestikation – das ist das bedeutendste Experiment und gleichzeitig auch die größte kulturelle Leistung des Menschen in seiner langen Geschichte, ein Vorgang, der zwar selbst im Dunkeln der Jahrtausende verborgen liegt, der aber durch keine spätere Leistung des Menschen auch nur annähernd erreicht oder gar übertroffen wurde – bis heute nicht! Was versteht die moderne Anthropologie unter „Kultur“ – Damit sind in unserem Zusammenhang nicht jene Schöpfungen gemeint, die Kunstgalerien schmücken oder Bücher füllen. Es ist die Fähigkeit, unserer Umwelt unseren Willen zu diktieren, statt mit Furcht und Zittern auf jeden Impuls von außen zu reagieren. Die einzigartige Mischung aus biologischen Gesetzmäßigkeiten und der Fähigkeit, sich aktiv mit seiner Umwelt auseinander zu setzen, macht den Homo sapiens zu einem Lebewesen sui generis (LEAKEY, 1979). Und … um die Geschichte der Haustierwerdung zu schreiben, hieße ein bedeutsames Stück menschlicher Kulturgeschichte aufrollen (FEHRINGER, 1936).Ohne diese kulturelle Leistung der Domestikation wäre die Geschichte der Menschheit anders verlaufen – ob nun besser oder nicht entzieht sich unseren Überlegungen und kann nur Gegenstand unwissenschaftlicher Spekulationen sein.

 

Domestikation – ein kulturelles Erbe und gleichzeitig Überlebensgarant der Menschheit – auch im Zeitalter von BSE! Ein Erbe also, mit dem wir behutsam umzugehen haben; und das insbesondere im Zeitalter der scheinbar schwindenden Grenzen des für den Menschen Machbaren, im Zeitalter des Klonens und der Gentechnologie! Andererseits drängt sich die Parallelität dieser beiden – Domestikation und Gentechnologie – Errungenschaften auf. Vielleicht steht die Menschheit wieder einmal, wie vor vielen Jahrtausenden, vor einer Umwälzung, die ihre kaum vorhersehbaren Auswirkungen bis in eine ferne Zukunft haben könnte, die aber auch gleichzeitig eine Bedrohung für uns alle darstellen kann.

Aber zurück zu den Anfängen: Wir Hundefreunde hören es ja nicht gerne, aber der frühe Mensch verschmähte keineswegs Wolfsfleisch, und vielleicht deshalb wurden diese in der Nähe der Wohnstätten und Lagerfeuer geduldet – vielleicht auch damals schon als Vertilger des sich rasch ansammelnden und Ungeziefer anlockenden Unrates in der Nähe des Lagers. Irgendwann werden die Menschen auch gemerkt haben, wenn eine Gefahr drohte; allerdings nicht, wie man voreilig denken könnte, dass die Wölfe wie Wachhunde warnten! Nein, das ihnen eigene und extreme Scheuverhalten und die übergroße Vorsicht des Wolfes ließen sie das Weite suchen, bevor der Mensch einen Feind erahnte. Es war also die ungewohnte Abwesenheit seiner vierfüßigen Nachbarn, die den Argwohn des Menschen erweckte und ihn alarmierte. So hatte Freund Isegrim mehrere Eigenschaften, die ihn von Anfang an für den Menschen nützlich machten: Lebender Fleischvorrat und Pelzlieferant, Müllabfuhr und somit auch Gesundheitspolizei, Alarmsystem und nicht zuletzt Wärmespender in kalten Winternächten und wahrscheinlich somit auch schon Sozialpartner. Da Wölfe auch menschlichen Kot fressen, was einige unsere Hunde z.T. auch heute noch mit Genuss tun, reinigten sie nicht nur die nähere Umgebung des Lagers von menschlichen Faeces, sondern konnten – wie bis es heute noch in bestimmten Regionen Schwarzafrikas Schensihunde gerne tun – bei der Babypflege eingesetzt werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Mensch noch kein anderes Tier, weder Rind noch Pferd, das ihm bei seinen Wanderungen beim Transport der Habseligkeiten half. Zum Ziehen lassen sich sogar schon Wölfe einsetzen: ZIMEN (1971) spannte im Rahmen seiner Arbeit mit den Wölfen auch testhalber die von ihm aufgezogenen Tiere erfolgreich vor den Schlitten. – Aber als brauchbarer Jagdgenosse wurde der Wolf wahrscheinlich erst viele Generationen später eingesetzt, als er schon fast ein Hund war – als Modellfall sind viele Naturvölker bekannt, die bis in unsere Zeit ohne Hund jagten, obwohl sie ihn kannten und seine Fähigkeiten mannigfaltig zu nutzen wussten (ZIMEN, 1996).

Wäre er die blutrünstige Bestie aus unseren Märchenbüchern oder aus den an Primitivität kaum zu unterbietenden Horror- und Trashfilmen, der urzeitliche Mensch hätte den Wolf weiter geschlachtet und gegessen – und die Menschheit würde noch bis heute auf das einzigartige Ereignis warten, was wir heute als „Domestikation“ bezeichnen.

 

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts favorisierte ANTONIUS in seinem zum bereits Klassiker gewordenen Standardwerk über die Abstammung der Haustiere (1922) den Goldschakal als den Ahnherren unserer Hunde, und auch noch LORENZ war lange Zeit bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts der Meinung, dass Wolf und Schakal („lupusblütige“ und „aureusblütige“ Hunde) die beiden Stammväter unserer Haushunde seien; und heute – nachdem wir mit Sicherheit wissen, dass der Wolf der alleinige Stammvater des Hundes ist – diskutiert man die Abstammung des Hundes von mehreren Unterarten des Wolfes. Ein hypothetischer Urhund, der als Canis ferus lange Zeit durch die Literatur geisterte, ist inzwischen und wohl endgültig in den Papierkorb der wissenschaftlicher Irrtümer ad acta gelegt.

Sollten andere Caniden als der Wolf, und hierfür kommt bei den altweltlichen Hunden im Grunde nur der Schakal in Betracht, ebenfalls sich eingekreuzt haben, war dieses Ereignis so selten, dass es keinen Einfluss auf die Population unserer Hunde nahm. Früher dachte man anders: DARWIN war der Ansicht, dass der Hund aufgrund seiner großen Variabilität – auffällig sind tatsächlich die riesigen Unterschiede in Größe, Körperbau, Charaktereigenschaften u.ä. innerhalb der einzelnen Rassen – von mehreren Canidenarten abstammen müsse. Er favorisierte hierbei Wolf, Schakal und Koyote, schloss aber auch einige Fuchsarten als mögliche Stammarten nicht aus. Bis vor wenigen Jahrzehnten hielt man auch eine Verpaarung von Fuchs und Hund möglich, war aber schon der Meinung, dass der Fuchs als einer der Ahnherren unserer Hunde ausscheide (FEHRINGER, 1936).Irgendwann, und das eventuell nicht nur einmal und an einem bestimmten Ort, kam es so, wie es kommen musste (so ist es zumindest ohne große Phantasieanstrengung denkbar): Ein vorzeitlicher Jäger hob eine Wurfhöhle mit einigen putzigen und zutraulichen Wolfswelpen aus; und da das „Kindchenschema“ schon seit Äonen für alle Säugetiere von immenser Bedeutung ist, nahm vielleicht dieser Jäger der Altsteinzeit die Welpen für seine Kinder mit nach Hause – KONRAD LORENZ lässt grüßen! Auch die Mutter des kleinen Steinzeitkindes fällt natürlich auf den süßen Wolfswelpen herein und gibt ihm, in Ermangelung von Welpennahrung aus der Dose, erstmals ihre vor Milch strotzende Brust, wie es auch heute noch Frauen bei einigen naturnah lebenden Völkern mit ihren Hunden machen. Wölfe im Alter von wenigen Wochen sind nämlich zwingend auf Milch angewiesen, und die menschliche Muttermilch war die einzige dem damaligen Menschen zur Verfügung stehende Milchquelle.Vor einigen Jahren publizierten VILÀ und seine Mitautoren (1997) ihre aufgrund molekulargenetischer Studien gewonnenen Erkenntnisse, wonach das Alter des Hundes erheblich heraufgeschraubt wurde und er theoretisch schon vor mehr als 100.000 Jahren an der Seite des Menschen aufgetaucht sein könnte. Diese Ergebnisse sind aber noch Gegenstand heftigster Diskussionen in der Fachwelt. Indizien weisen allerdings darauf hin, dass in Mittel- und Osteuropa schon vor etwa 20.000 – 25.000 Wölfe gezähmt wurden.Wann und wo nun erfolgte nun der entscheidende Schritt, mit dem der Mensch den Wolf domestizierte und damit eine ganz neue Epoche der Menschheit einleitete? – Eine Reihe von Autoren vertreten aufgrund der Interpretation des vorhandenen Fundmaterials, dass die Domestikation des Hundes zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten und mit Wölfen aus verschiedenen Unterarten stattgefunden haben kann. – Wir wissen es nicht und werden es vermutlich auch nie erfahren – denn diesen ersten Schritt als solchen hat es ja nie gegeben. Dieser hypothetische erste Schritt bestand in Wirklichkeit aus einem vorsichtigen Herantasten; und dieser Vorgang war den frühen Menschen sicherlich gar nicht bewusst. Der erste Schritt, bevor eine eigentliche Domestikation beginnen konnte, war eine Zähmung der Jungwölfe, d.h. es wurde, da sie schon in ihrer Prägungsphase in Menschennähe waren und vermutlich engen Kontakt zu den Frauen und auch Kindern des Lagers hatten, ihre Fluchtbereitschaft immer weiter verringert. Einmal in der Nähe des Menschen zuerst toleriert und dann später geschätzt, wuchs der Wolf allmählich in die Welt des Menschen herein. Selbstverständlich eliminierte er vor allem diejenigen Tiere, die ihn oder gar seine eigenen Kinder bedrohten; wahrscheinlich wurden sie schlicht verzehrt. Diese Wölfe hatten somit keine Chance, ihre Erbanlagen weiterzugeben und diese aggressiven Tiere wurden immer seltener an den Lagerplätzen der Vorzeit. Der Mensch lernte also, dass er einerseits immer Nahrung in seiner unmittelbaren Umgebung hatte und deshalb seine nomadisierende Lebensweise aufgeben konnte; außerdem lernte er, dass er das Verhalten – und nebenbei natürlich auch das Aussehen, die Gestalt und Größe – dieser Tiere in seiner Obhut weitgehend beeinflussen konnte. Als dem vorzeitlichen Menschen dies bewusst wurde, konnte er mit dem Abenteuer der Domestikation der verschiedensten Wildtiere beginnen. Der Beginn der Domestikation ist, nach der Definition der Kieler Haustierforscher HERRE und RÖHRS (1974), der Zeitpunkt, als der Mensch begann, kleine Tiergruppen von der Tierart abzutrennen und dann deren weitere Vermischung mit der wilden Stammform verhinderte. Und dann trat ein, was schon vor bald einem Jahrhundert FISCHER (1914) definierte: „Domestiziert nennt man solche Tiere, deren Ernährungs- und Fortpflanzungsverhältnisse der Mensch eine Reihe von Generationen beeinflusst.“ (zit. nach HERRE und RÖHRS, 1990). Domestikation setzt folglich Zähmung, also Pflege i.w.S. voraus – die erste Stufe der echten Haustierwerdung ist also in der Gefangenhaltung (Zähmung als ein Vorgang, der in der Ontogenese ansetzen muss) zu suchen. Eine weitere überaus wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Domestikation liegt in der Fähigkeit der jeweiligen Tierart, ihr Verhalten an die nunmehr geänderten Umweltbedingungen, d.h. Leben in der Gefangenschaft, anzupassen, zu wachsen und sich schließlich fortzupflanzen. Bei den landwirtschaftlichen Nutztieren besonders, aber auch bei einigen Hunderassen, konnte sich die Leistungsfähigkeit mancher Organe im Laufe der Domestikationsgeschichte drastisch verändern und schon auf den ersten Blick am Habitus erkennbar werden. Für unsere Betrachtung aber wichtiger: Diese Tiere sind in der Obhut des Menschen geschützt, Sinnesschärfe und allgemeine körperliche Tüchtigkeiten gehen zugunsten einer hohen Vermehrungsrate zurück, und fein differenzierte Verhaltensweisen zerfallen: Das Verhalten vergröbert sich parallel zur Veränderung der Gestalt, was wir allgemein als Domestikationserscheinung bezeichnen; diese Domestikationserscheinungen sind aber – entgegen der landläufigen Meinung – nicht negativ, sondern können als echte Anpassungen an die Umweltbedingungen durchaus positiv aufgefasst werden. Dennoch sollten wir stets im Auge behalten, dass Haustiere Populationen von Wildarten geblieben sind, die nunmehr in der Obhut des Menschen gehalten und morphologisch und physiologisch verändert wurden und sich somit dem Hausstand anpassen konnten. Die Differenzierungen gegenüber der Wildform umfassen auch das Verhaltensmuster (SCHMITTEN, 1980).Der Zeitpunkt der Domestikation ist schwer definierbar und muss eher als ein Übergangsstadium angesehen werden, denn es ist bei manchen der vorliegenden archäologischen Funde kaum zu entscheiden, wo der „gezähmte Wolf aufhört“ und wo der Hund „anfängt“ (BRENTJES, 1975). Und bereits sehr früh, wie wir aus vielen Darstellungen aus dem alten Mesopotamien und Ägypten wissen, begann eine Differenzierung in Rassenkreise, zu den ältesten Formen gehören hier Windhundartige, wie sie uns heute noch in der Gestalt des klassischen Pariahundes begegnen (u.a. STUDER, 1901). Als lebendes Beispiel hierfür sei der sekundär wieder verwilderte Dingo genannt. Allerdings deuten im Gegensatz hierzu neuere Forschungsergebnisse (STAMPFLI, 1976) darauf hin, dass „ … es unmöglich ist, allein nach Schädelfunden eine Rassezuteilung vorzunehmen. Die altbekannten und vertrauten Bezeichnungen der prähistorischen Hunderassen haben ihre Gültigkeit verloren.“Älteste Fossilien von Caniden, bei denen wir vermuten, dass sie bereits der Domestikation zuzurechnen sein könnten, sind vermutlich bis zu 14000 Jahre alt, also rund 4000 Jahre älter als die Überreste der nächstältesten Haustiere, nämlich Ziege und Schaf; sie wurden im Nordosten des heutigen Irak entdeckt. Allerdings wird bereits seit längerem wieder bezweifelt, ob hier dieser Canidenunterkiefer tatsächlich einem Hund zugeordnet werden kann (TURNBULL und REED, 1974).Diese ältesten Funde, es handelt sich um fast ausschließlich Fragmente von Unterkiefern und Schädeln, werfen allerdings bei der Unterscheidung Wolf – Hund große Probleme auf (RÄBER, 1999): Zu diesem Zeitpunkt sind die Unterschiede zwischen Wolf und Hund noch nicht deutlich ausgeprägt, und in vielen Fällen kann bei diesen Funde nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob sie dem Wolf oder dem schon seinem Nachfolger zugeordnet werden können. Zwar gelten Merkmale wie verkürzter Fang und hiermit verbunden kleinere und enger stehende Zähne, ein leicht durchgebogener Unterkiefer sowie eine etwas aufgewölbte Stirn als einige der Unterscheidungsmerkmale zwischen Hund und Wolf, aber wie wir inzwischen wissen, können Wölfe in schon wenigen Generationen in Gefangenschaft diese gleichen Merkmale aufwiesen. Innerhalb einer Wolfspopulation ist eben die Variabilität derart groß, dass beim Vorliegen nur weniger Fundstücke Fehlinterpretationen bei der Eingruppierung eines Fossils als Hund leicht möglich sind.

Einigermassen als Überreste von Hunden gesichert scheinen weitere Funde aus der Türkei, die auf die Zeit von ca. 9500 v.Chr. datiert wurden. Etwas jünger sind die bislang ältesten gefundenen Fossilien aus Europa, nämlich aus der Zeit um 9000 v.Chr. aus Yorkshire in England sowie aus dem deutschen Raum, dem berühmten schon 1914 entdeckten „Hund von Oberkassel“ bei Bonn sowie Funde aus dem Senckenberg-Moor (ca. 8000 – 7500 v.Chr.) bei Frankfurt. Gleichalte Fossilien aus Dänemark lassen bereits verschiedene Größen der ausgewachsenen Individuen erkennen. Aber auch hier wurden in den letzten beiden Jahrzehnten Zweifel laut, ob der Hund aus Oberkassel oder derjenige aus dem Moor bei Frankfurt, ebenso wie derjenige aus einer mitteldeutschen Grotte tatsächlich den Haushunden zuzuordnen sind.

Eine ganze Reihe von Forschern vermuten die kleinwüchsigen arabischen und südpersischen Wolfsformen (Canis lupus pallipes) als potentielle Ahnherren, auch HEMMER (1996) vertritt diese Auffassung und ist weiterhin der Überzeugung, dass die Hundewerdung ein einmaliges Ereignis einer kleinen Gruppe von Gründerexemplaren war; er schließt aber dennoch nicht aus, dass bei einer derart raschen Ausbreitung des Hundes ein Genfluss anderer Wildhundarten (Schakal, Koyote) nicht auszuschließen ist. Auch heute noch, wie wir aus vielen Reise- und Expeditionsberichten in vor allem arktische Gebiete wissen, kommt es zu regelmäßigen vom Menschen ungeplanten Verpaarungen zwischen Hunden und Wölfen. Ähnliches wird u.a. aus den Abruzzen, Rußland und vielen anderen Gegenden berichtet.An dieser Stelle sei noch kurz die Meinung des Kynologenehepaares MENZEL (1960) der Vollständigkeit halber wiedergegeben; sie hielten den Ausdruck „Domestikation“ für die Mensch-Hund-Beziehung für viel zu kühl und sachlich und meinen, dass diese Beziehung viel eher als eine Freundschaft zwischen zwei verschiedenartigen Lebewesen zu bezeichnen ist. 
– Der Autor möchte mit dem bekannten Zitat des Philosophen Friedrich Nietzsche „Vom Verstande des Hundes bestehet die Welt“ abschließen!

Am Anfang aber war der Wolf!